Sommer
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| ein ausgetrockneter Teich |
Jetzt ist in
Bengalen Sommer, der Hitzeaufbau vor dem Monsun. Es ist heiß und wir freuen
uns, wenn die Temperaturen um die Mittagszeit nur 35°C erreichen. Im Haus
laufen die Deckenventilatoren, um ein bisschen Erfrischung zu bringen, und
mindestens zweimal am Tag wird geduscht. Der Wasserpegel in unseren Teichen
nimmt langsam ab, zwei von fünf sind schon ausgetrocknet. Zum Glück gibt es in
meinem Schwimmbad noch ausreichend Wasser. Die hohe Luftfeuchtigkeit macht die
Temperaturen schwieriger erträglich. Üblicherweise werden wir nach einigen Tage
Temperatursteigerung von einem Sturm gekühlt, bevor die Temperatur erneut
steigt.
Den ersten großen
Sturm hatten wir am 22. April. P. Thottam und die Schwestern waren zu einer
Messe gegangen, Saju mit den großen und kleinen Tänzen zu einer Aufführung des
Mutter-Teresa-Programm und ich bin allein in Kalahrdaya geblieben. Jesus bin
ich nicht mehr, da Saju die Choreographie geändert und die Rolle übernommen hat
– der Kopf versteht aber dem Herz fiel es schwer. Ich habe Ausgeschlossenheits-
und Einsamkeitsgefühle bekommen, die langsam abklingen. An diesem Abend haben
sie aber nicht getanzt. Kurz vor der Zeit ihrer Aufführung wurde ein heftiger
Sturm ausgelöst und alle Tänzer haben aufgrund der Erschütterungen die Bühne
verlassen. Die Bühne und die Halle aus Bambus, die extra für die Feier
eingerichtet worden waren, sind dann zusammengebrochen. Zum Glück wurden keine
verletzt. Hier in Kalahrdaya schloss ich wegen des starken Windes alle Fenster
und Türe und der Strom fiel aus. Der Himmel war ständig in allen Richtungen von
Blitzern erleuchtet und mehrere Bäume fielen (einer auf das Dach meines
Zimmers). Also ein ereignisreicher Abend. Seither sind die Gewitter weniger
heftig gewesen.
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| die Schüler der Englischklasse |
Nach den
Schulprüfungen ist die Zahl unserer Englischstudenten wieder gestiegen.
Ungefähr zwanzig kommen regelmäßig und werden zwischen Sr. Subhashni, Sr.
Ranjana und mir verteilt. Nach einer Stunde Unterricht gehen sie zu einem
anderen Lehrer. Wir bemühen uns ihnen ein bisschen Grammatik beizubringen und
möglichst alle zum Reden zu bringen, was nicht einfach ist, denn einige wollen
(zu) viel reden und andere trauen sich nicht und bleiben lieber beim Bangla. Es
ist aber insgesamt eine sehr nette Truppe von jungen Menschen, von denen viel sich
bemühen.
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| Ein Lehrer der Englischklasse |
Gebete
Unsere beiden
Schwestern gehen täglich zum Beten in diverse Häuser – viel Rosenkranz, da Mai
für die Katholiken Marienmonat ist (was ich schon mal gehört hatte aber auch
sehr schnell wieder vergaß). Wenn Gott unser Vater ist, ist Maria unsere
Mutter, und wer sich fragt, ob die Christen eine Dreifaltigkeit oder eine
Vierfaltigkeit verehren, wird sich in Bengalen diese Frage wohl nicht mehr
stellen. Maria ist in den christlichen (insbesondere katholischen) Dörfern
überall zu sehen. Diese armen Menschen geben viel Geld aus, um wunderschöne
Statuen zu bauen (die oft wie die Grotte in Lourdes aussehen, obwohl Maria in
Velankanni in Tamilnadu angeblich schon viel früher erschien ist). Also Maria
ist meinem Gefühl nach nicht nur die Mutter Gottes, sondern wirklich die
Muttergöttin. Die am Gebet Teilnehmenden bekommen oft ein Esspacket mit Snack
und Süßigkeiten, das die Schwestern anschließend mit uns teilen, worüber ich
mich immer sehr freue.
Religion in
Indien stärkt die Gemeinschaften und ihre Identität. Ob man Christ, Muslim oder
Hindu ist, ist hier keine Privatsache. Die Gesellschaft ist stark von
Gemeinschaft geprägt und lässt wenig Raum für die Individualität der einzelnen
Menschen. Im Rahmen der diversen Gemeinschaften wird die Beziehung von der
gemeinsamen Religion verstärkt, die wiederum zwei Gemeinschaften
unterschiedlicher Glauben trennt. Durch arrangierte Ehen wird die Erhaltung der
Gemeinschaft sichergestellt – in dieser Hinsicht können Liebesbeziehung im
Gegenteil problematisch werden. Durch die Schule werden aber langsam Brücken
gebaut. Christliche Kinder haben hinduistische Freunde, wenn sie älter werden,
verlieben sich manche ineinander und manche offenen Familien können
interreligiöse Ehen (natürlich nach Absprache mit dem Pfarrer) erlauben. Unsere
Tanzstudentin Moumita ist zum Beispiel mit einem Hindu verheiratet. Am
Wochenende stand in ihrem Haus nach dem Bau einer Grotte (s. oben) eine große
Feier statt. Den ganzen Sonntag wurde bis Montagvormittag um 5 gebetet und
gefeiert und am Montag wurden auch viele zum Mittagessen eingeladen. Da ich am
Sonntag nach Kolkata zum Wählen hinmusste, brauchte ich keine besondere
Ausrede, um nur an der Mahlzeit teilzunehmen. Wie sich diese eigentlich nicht
reiche Menschen um die Gastfreundschaft bemühen, ist wirklich bewundernswert.
Im Hof des Hauses wurden drei langen Tische eingerichtet, wo die Gäste
nacheinander zum Essen kamen. Und es sind nicht nur fünf oder zehn Gäste,
sondern mindestens zehnmal so viele und es wird sichergestellt, dass jeder von
ihnen mit dem mit leckerem Essen gefüllten Bauch den Tisch verlässt. Wenn alle
gegessen haben, können die Gastgeber auch essen. Eine wunderschöne (und
bestimmt für sie sehr teure) Statue und eine solche Feier, so viel wird hier
für die Religion gespendet.
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| Ma Maria |
Als Gast musst
man auch darauf aufpassen, dass erst dreimal wiederholt „Nein“ „Nein“ heißt (sonst kann der Bauch schnell sehr voll werden).
Aus Höflichkeitsgründen sollte man das Angebot einer zweiten Portion Reis immer
zuerst ablehnen und erst dann annehmen, was sorgt zwischen Europäern und Indern
manchmal zu Kommunikationsproblemen. Wir hatten im Zwischenseminar gut gelacht,
als der deutsch-indische Pater Xavier, der uns begleitete, von seiner
Frustration erzählt hatte, als er in Deutschland zum ersten Mal zum Kaffee und
Kuchen eingeladen wurde. Als ihm ein zweites Stück angeboten wurde, lehnte er
höflich ab und das Stück wurde tatsächlich zurückgenommen! Hier muss man auf
den Ton achten, bei manchen Themen heißt „Nein“ tatsächlich „Ja aber ich bin
höflich“.
Tanzprogramm
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| Mother Teresa Program |
Nun sind Saju und
seine Tanzgruppe mit der Vorbereitung der zehnjährigen Feier von Kalahrdaya
sehr beschäftigt. Es werden das Mutter-Teresa-Programm, ein Programm zum Leben
vom ersten Bischof von Patna Anastasius Hartmann (ursprünglich aus der Schweiz)
und mehrere Tanzstücke im Bharatanatyamstil präsentiert. Dazu wurde das
Auditorium Kala Mandir in Kolkata (mehr als 1000 Sitze) gemietet und viele
Einladungskarten geschickt. Am 29. April wurden einige dieser Stücke in
Kalahrdaya zur Feier von P. Thottams sechzigjährigen Ordensjubiläum präsentiert.
Der stellvertretende Konsul von Frankreich in Kolkata Olivier Cassin, der schon
seit Monaten uns besuchen wollte aber es bisher nie geschafft hatte, war
diesmal auch da. Im Vergleich zu den üblichen „wichtigen“ Personen, die uns in
Kalahrdaya besucht hatte, war er deutlich weniger hervortretend, wirkte lieb,
einfach und überhaupt nicht arrogant, worüber ich mich sehr gefreut habe. Dafür
haben viele anwesenden gedacht, es sei „nur“ ein Freund von mir. Es war das
erste Mal, dass er eine Aufführung von Bharatanatyam-Tanz sehen konnte und er
hat sich über den Besuch offensichtlich gefreut.
Mit Frankreich
hatte ich ja einiges zu tun, da ich am 23. April und 7. Mai zweimal ins
Konsulat zum Wählen gegangen ist. In der Jurisdiktion des französischen Konsulats
in Kolkata gibt es nur ca. 100 Franzosen. Die beiden Konsuln haben also einen
guten Überblick und der Umgang ist eher familial als förmlich. Wenn ich zum
Wählen hingehe (was Anfang Juni wieder geschehen wird), gibt es keine Hektik,
da ich praktisch als Wähler allein bin und wir können freundlich austauschen.
Es macht mir den Wahlbesuch trotz der einstündigen Fahrt nach Kolkata in der
Hitze sehr angenehm. Die Gelegenheit mit meinen Landbewohnern Zeit zu
verbringen und französisch zu reden hat mir gutgetan. Denn manchmal fallen mir
alle Barrieren und Grenzen zwischen den anderen Menschen (auch in Kalahrdaya)
und mir, durch die Sprache, die Kultur und andere Dinge auf und es fehlt jemand,
mit dem ich reden kann. Aber dann, wenn ich mich einsam und etwas verloren
fühle, kommt oft von jemandem etwas: eine Einladung, ein Wort, ein Lächeln, das
mich aufmuntert. Abends auf den vergangenen Tag rückblickend kann ich fast
immer irgendwas, ein besonderes Augenblick oder eine Person betrachten und
denken: es ist gut hier zu sein.






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