mardi 9 mai 2017

Sommer

Sommer

ein ausgetrockneter Teich


Jetzt ist in Bengalen Sommer, der Hitzeaufbau vor dem Monsun. Es ist heiß und wir freuen uns, wenn die Temperaturen um die Mittagszeit nur 35°C erreichen. Im Haus laufen die Deckenventilatoren, um ein bisschen Erfrischung zu bringen, und mindestens zweimal am Tag wird geduscht. Der Wasserpegel in unseren Teichen nimmt langsam ab, zwei von fünf sind schon ausgetrocknet. Zum Glück gibt es in meinem Schwimmbad noch ausreichend Wasser. Die hohe Luftfeuchtigkeit macht die Temperaturen schwieriger erträglich. Üblicherweise werden wir nach einigen Tage Temperatursteigerung von einem Sturm gekühlt, bevor die Temperatur erneut steigt.
Den ersten großen Sturm hatten wir am 22. April. P. Thottam und die Schwestern waren zu einer Messe gegangen, Saju mit den großen und kleinen Tänzen zu einer Aufführung des Mutter-Teresa-Programm und ich bin allein in Kalahrdaya geblieben. Jesus bin ich nicht mehr, da Saju die Choreographie geändert und die Rolle übernommen hat – der Kopf versteht aber dem Herz fiel es schwer. Ich habe Ausgeschlossenheits- und Einsamkeitsgefühle bekommen, die langsam abklingen. An diesem Abend haben sie aber nicht getanzt. Kurz vor der Zeit ihrer Aufführung wurde ein heftiger Sturm ausgelöst und alle Tänzer haben aufgrund der Erschütterungen die Bühne verlassen. Die Bühne und die Halle aus Bambus, die extra für die Feier eingerichtet worden waren, sind dann zusammengebrochen. Zum Glück wurden keine verletzt. Hier in Kalahrdaya schloss ich wegen des starken Windes alle Fenster und Türe und der Strom fiel aus. Der Himmel war ständig in allen Richtungen von Blitzern erleuchtet und mehrere Bäume fielen (einer auf das Dach meines Zimmers). Also ein ereignisreicher Abend. Seither sind die Gewitter weniger heftig gewesen.

die Schüler der Englischklasse


Nach den Schulprüfungen ist die Zahl unserer Englischstudenten wieder gestiegen. Ungefähr zwanzig kommen regelmäßig und werden zwischen Sr. Subhashni, Sr. Ranjana und mir verteilt. Nach einer Stunde Unterricht gehen sie zu einem anderen Lehrer. Wir bemühen uns ihnen ein bisschen Grammatik beizubringen und möglichst alle zum Reden zu bringen, was nicht einfach ist, denn einige wollen (zu) viel reden und andere trauen sich nicht und bleiben lieber beim Bangla. Es ist aber insgesamt eine sehr nette Truppe von jungen Menschen, von denen viel sich bemühen.

Ein Lehrer der Englischklasse



Gebete

Unsere beiden Schwestern gehen täglich zum Beten in diverse Häuser – viel Rosenkranz, da Mai für die Katholiken Marienmonat ist (was ich schon mal gehört hatte aber auch sehr schnell wieder vergaß). Wenn Gott unser Vater ist, ist Maria unsere Mutter, und wer sich fragt, ob die Christen eine Dreifaltigkeit oder eine Vierfaltigkeit verehren, wird sich in Bengalen diese Frage wohl nicht mehr stellen. Maria ist in den christlichen (insbesondere katholischen) Dörfern überall zu sehen. Diese armen Menschen geben viel Geld aus, um wunderschöne Statuen zu bauen (die oft wie die Grotte in Lourdes aussehen, obwohl Maria in Velankanni in Tamilnadu angeblich schon viel früher erschien ist). Also Maria ist meinem Gefühl nach nicht nur die Mutter Gottes, sondern wirklich die Muttergöttin. Die am Gebet Teilnehmenden bekommen oft ein Esspacket mit Snack und Süßigkeiten, das die Schwestern anschließend mit uns teilen, worüber ich mich immer sehr freue.
Religion in Indien stärkt die Gemeinschaften und ihre Identität. Ob man Christ, Muslim oder Hindu ist, ist hier keine Privatsache. Die Gesellschaft ist stark von Gemeinschaft geprägt und lässt wenig Raum für die Individualität der einzelnen Menschen. Im Rahmen der diversen Gemeinschaften wird die Beziehung von der gemeinsamen Religion verstärkt, die wiederum zwei Gemeinschaften unterschiedlicher Glauben trennt. Durch arrangierte Ehen wird die Erhaltung der Gemeinschaft sichergestellt – in dieser Hinsicht können Liebesbeziehung im Gegenteil problematisch werden. Durch die Schule werden aber langsam Brücken gebaut. Christliche Kinder haben hinduistische Freunde, wenn sie älter werden, verlieben sich manche ineinander und manche offenen Familien können interreligiöse Ehen (natürlich nach Absprache mit dem Pfarrer) erlauben. Unsere Tanzstudentin Moumita ist zum Beispiel mit einem Hindu verheiratet. Am Wochenende stand in ihrem Haus nach dem Bau einer Grotte (s. oben) eine große Feier statt. Den ganzen Sonntag wurde bis Montagvormittag um 5 gebetet und gefeiert und am Montag wurden auch viele zum Mittagessen eingeladen. Da ich am Sonntag nach Kolkata zum Wählen hinmusste, brauchte ich keine besondere Ausrede, um nur an der Mahlzeit teilzunehmen. Wie sich diese eigentlich nicht reiche Menschen um die Gastfreundschaft bemühen, ist wirklich bewundernswert. Im Hof des Hauses wurden drei langen Tische eingerichtet, wo die Gäste nacheinander zum Essen kamen. Und es sind nicht nur fünf oder zehn Gäste, sondern mindestens zehnmal so viele und es wird sichergestellt, dass jeder von ihnen mit dem mit leckerem Essen gefüllten Bauch den Tisch verlässt. Wenn alle gegessen haben, können die Gastgeber auch essen. Eine wunderschöne (und bestimmt für sie sehr teure) Statue und eine solche Feier, so viel wird hier für die Religion gespendet.

Ma Maria


Als Gast musst man auch darauf aufpassen, dass erst dreimal wiederholt „Nein“ „Nein“ heißt (sonst kann der Bauch schnell sehr voll werden). Aus Höflichkeitsgründen sollte man das Angebot einer zweiten Portion Reis immer zuerst ablehnen und erst dann annehmen, was sorgt zwischen Europäern und Indern manchmal zu Kommunikationsproblemen. Wir hatten im Zwischenseminar gut gelacht, als der deutsch-indische Pater Xavier, der uns begleitete, von seiner Frustration erzählt hatte, als er in Deutschland zum ersten Mal zum Kaffee und Kuchen eingeladen wurde. Als ihm ein zweites Stück angeboten wurde, lehnte er höflich ab und das Stück wurde tatsächlich zurückgenommen! Hier muss man auf den Ton achten, bei manchen Themen heißt „Nein“ tatsächlich „Ja aber ich bin höflich“.

Tanzprogramm


Mother Teresa Program


Nun sind Saju und seine Tanzgruppe mit der Vorbereitung der zehnjährigen Feier von Kalahrdaya sehr beschäftigt. Es werden das Mutter-Teresa-Programm, ein Programm zum Leben vom ersten Bischof von Patna Anastasius Hartmann (ursprünglich aus der Schweiz) und mehrere Tanzstücke im Bharatanatyamstil präsentiert. Dazu wurde das Auditorium Kala Mandir in Kolkata (mehr als 1000 Sitze) gemietet und viele Einladungskarten geschickt. Am 29. April wurden einige dieser Stücke in Kalahrdaya zur Feier von P. Thottams sechzigjährigen Ordensjubiläum präsentiert. Der stellvertretende Konsul von Frankreich in Kolkata Olivier Cassin, der schon seit Monaten uns besuchen wollte aber es bisher nie geschafft hatte, war diesmal auch da. Im Vergleich zu den üblichen „wichtigen“ Personen, die uns in Kalahrdaya besucht hatte, war er deutlich weniger hervortretend, wirkte lieb, einfach und überhaupt nicht arrogant, worüber ich mich sehr gefreut habe. Dafür haben viele anwesenden gedacht, es sei „nur“ ein Freund von mir. Es war das erste Mal, dass er eine Aufführung von Bharatanatyam-Tanz sehen konnte und er hat sich über den Besuch offensichtlich gefreut.
Mit Frankreich hatte ich ja einiges zu tun, da ich am 23. April und 7. Mai zweimal ins Konsulat zum Wählen gegangen ist. In der Jurisdiktion des französischen Konsulats in Kolkata gibt es nur ca. 100 Franzosen. Die beiden Konsuln haben also einen guten Überblick und der Umgang ist eher familial als förmlich. Wenn ich zum Wählen hingehe (was Anfang Juni wieder geschehen wird), gibt es keine Hektik, da ich praktisch als Wähler allein bin und wir können freundlich austauschen. Es macht mir den Wahlbesuch trotz der einstündigen Fahrt nach Kolkata in der Hitze sehr angenehm. Die Gelegenheit mit meinen Landbewohnern Zeit zu verbringen und französisch zu reden hat mir gutgetan. Denn manchmal fallen mir alle Barrieren und Grenzen zwischen den anderen Menschen (auch in Kalahrdaya) und mir, durch die Sprache, die Kultur und andere Dinge auf und es fehlt jemand, mit dem ich reden kann. Aber dann, wenn ich mich einsam und etwas verloren fühle, kommt oft von jemandem etwas: eine Einladung, ein Wort, ein Lächeln, das mich aufmuntert. Abends auf den vergangenen Tag rückblickend kann ich fast immer irgendwas, ein besonderes Augenblick oder eine Person betrachten und denken: es ist gut hier zu sein.

Aucun commentaire:

Enregistrer un commentaire