vendredi 17 novembre 2017

Raudra, Veera, Bhayanaka und Bibhatsa – Wut, Heldentum, Schreck und Ekel

Choreographie zum Heiligen Geist - der Spender der Energie und der Mut schlechthin

Raudra, das Gefühl der Wut. Die Gottheit ist Rudra, die sthayi Bhava ist Krodha (Ärger) und die Farbe Rot.
Veera, das Gefühl des Heldentums. Die Gottheit ist Mahendra, die sthayi Bhava ist Utsaha (Eifer oder Energie) und die Farbe Orange.
Bhayanaka, das Gefühl des Fürchterlichen oder des Grauenhaften. Die Gottheit ist Yamakala, die sthayi Bhava ist Bhaya oder Angst und die Farbe Schwarz.
Bibhatsa, das Gefühl der Ekel oder der Abscheulichkeit. Die Gottheit ist Shiva, die sthayi Bhava ist Ghrina / Jugutsa (Ekel / Hass) und die Farbe Blau.

Die Wut, das Heldentum, der Schreck und der Ekel sind gewiss vier energievolle und leidenschaftliche Gefühle. Für einen deutschen oder französischen Freiwilligen in Indien sind sie auch verwandte Gefühle, die bei vielen (Konflikt)situationen im Einsatz auftauchen. Es sind einfach die Konfliktgefühle. Das Freiwilligenleben beginnt mit Veera (deutsche Aussprache Wiera), das Heldentum. Wer fühlt sich nicht ein bisschen wie ein Held, wenn er seine Komfortzone verlässt und in ein fremdes Land zieht, wo er sich quasi gratis an den Dienst der Menschen stellen wird? Und für die Menschen, die ich unterrichte, bin ich auch sicherlich ein Held. Aber der größte Held in Kalahrdaya ist ohne Zweifel Saju, der sich unendlich bemüht seinen kleinen Ashram mitten im Nichts trotz vielen Widerständen in eine anerkannte Kunstuniversität zu entwickeln. Nur selten kann er einen ganzen Tag in Kalahrdaya verbringen, um dort zu unterrichten. Er muss ständig nach Kolkata oder zu anderen Orten fahren, Provinziale, Sponsoren, Lehrer, Architekten, Ingenieure etc. besuchen, Menschen überzeugen sein Projekt zu unterstützen, für andere tanzen, mit anderen Pläne entwickeln, Spenden sammeln… Drei Monate im Jahr reist er in Deutschland, Österreich und der Schweiz rum, wo er auch Workshops leitet, Vorlesungen hält, tanzt und auch dort versucht Projektpartner und Sponsoren zu überzeugen. Darüber hinaus nimmt er sich Zeit die Arbeit seiner Doktoranden sorgfältig zu lesen und zu korrigieren, während viele andere diese Arbeit einem Assistenten überlassen würden. So verdient er sich von seinen Studenten einen Respekt, der nicht nur seiner Position gilt. Und ich habe auch fast die einfachen Dorfbewohner vergessen, die ihn wegen unterschiedlicher Sorgen besuchen, und für die er sich auch immer Zeit nimmt.
In den Dörfern sind die Frauen die Heldinnen, die oft auf ein berufliches Leben verzichten müssen, wenn sie heiraten. Sie müssen ja von ihrem Mann abhängen, sonst würden sie ihn nicht respektieren! Also Schluss mit dem eigenen Verdienst. Zu Hause kümmern sie sich um den Mann, die Kinder und auch um ihre Stiefeltern. Wenn alle gegessen haben, darf es die Hausfrau auch, falls irgendetwas übriggeblieben ist. Wird in Euch ein neues Gefühl erweckt? Das ist Raudra, die Wut. Traurigkeit und Wut fühlt man, wenn einem alle Ungleichheiten klarwerden. In einem Land wird eine Frau in der Lage seine ihre Träume zu erfüllen, sie wird Ärztin, Ingenieurin, Tänzerin werden, und in einem anderen, egal wie talentiert sie ist, wird sich offensichtlich die ganze Welt bemühen seinen Glanz auszulöschen. Und so viele junge Menschen bemühen sich in Kalahrdaya wunderbar zu tanzen und morgen könnte alles aufhören, weil die Situation so instabil ist, weil Menschen zögern eine Genehmigung zu geben…
Manchmal fühle ich mich in Kalahrdaya geärgert und frustriert, weil es scheint, dass die menschlichen Beziehungen nie einfach sein können. Es kann so schwierig sein auf Augenhöhen mit anderen Menschen zu reden! Der eine ist ein Pater, die andere eine Schwester und die hierarchische Beziehung ist starr festgelegt. Den Pater wird eine Schwester nie im Leben stören (er ist beschäftigt, selbst wenn die Beschäftigung nur darin besteht das Fernsehen zu gucken) aber mich kann man problemlos um jede Uhrzeit für irgendwas rufen, selbst wenn ich an meine Dissertation oder an einen wichtigen Artikel für Saju arbeite. Aber da habe ich keine Wahl, was nutzt es sich zu verärgern, wenn eine Situation sich von der Natur her nicht ändern kann? Ich weiß es jetzt, ich muss mich adaptieren und es ist besser sich nicht zu wichtig zu fühlen und einfach darüber zu lachen. Im Endeffekt ist es auch nicht so schwierig und ich bin meinem alten belgischen Jesuiten Pierre Jacob sehr dankbar, dass ich jeden Monat ihn besuchen und mit ihm über meine Sorgen und Problemchen reden kann. Und dann lachen wir auch zusammen.
Bhayanaka: was macht mir Angst in Kalahrdaya? Es gibt einige Tiere, denen man lieber nicht zu nah kommt aber komischerweise sind die schädlichsten nicht die, denen man sich am meisten fürchtet. Schlangen und große Spinnen gehen lieber weg, wenn ein Mensch nah kommt aber Ameisen sind leider nicht so schnell und werden manchmal aus Versehen angefasst oder betreten. Und manche beißen und tun wirklich weh. Dann fängt man etwas aufzupassen. Der Verkehr ist manchmal etwas abschreckend und unser Fahrer ist nicht der beruhigendste. Er hupt, beschleunigt, bremst, beschleunigt wieder. Wenn er den guten Intervall findet, hupt er, beschleunigt und überholt rechts oder links, da wo es Platz gibt. Die Rikschas gefallen den Touristen sehr und es gefiel mir auch, bis ich am ersten Januar meinen Unfall hatte. Jetzt ist der Genuss mit etwas Vorsicht gemischt…
Zum Schluss Bibhatsa, der Ekel, die Abscheulichkeit. Und jetzt kann man fröhlich alle Klischees über Indien im Allgemeinen und Kalkutta insbesondere loswerden. Bibhatsa ist für mich zuerst die Kreuzung von Kabardanga. Es ist der Ort, wo man zum letzten Mal in eine Rikscha steigt, wenn man nach Kalahrdaya fährt. Der Fischmarkt von Kabardanga. Ab 4 Uhr vormittags bringen die Bewohner der Nachbardörfer ihre Fische an diese Stelle, wo sie verkauft werden, und es riecht einfach stark, zwar besonders im frühen Vormittag, aber der Geruch verschwindet nie ganz. Es wird bestimmt eine der Erinnerungen sein, die mich nach meiner Rückkehr lange prägen werden. Bibhatsa ist auch der Müll, der überall auf die Straßen, die Felder und in die Teiche geschmissen werden. Am 12. November fand in Kalahrdaya die jährliche Tanzvorstellung statt und wir hatten für den Müll (leere Teebecher, Süßigkeitspakete etc.) zwei Container aufgestellt. Am Ende war einer nicht mal halb voll und der andere ganz leer. Müll überall auf dem Gelände. Wieso stellt man Container hin, wenn die ganze Erde so ein wunderbarer Container ist? Aber es ist noch nichts im Vergleich zu den Open-Air-Müllabladeplätze, die hier und da in Kolkata zu finden sind. Wenn man in die Nähe kommt, versteht man was „stinken“ bedeutet. Das Erstaunliche ist, dass es auch in dieser Stadt moderne Viertel gibt, die echt sauber sind. Die Sauberkeit der Stadt hat sich laut Saju die letzten Jahre sehr verbessert.
Jetzt bin ich am Ende der Vorstellung von Raudra, Veera, Bhayanaka und Bibhatsa und vielleicht gab es zu viel Negatives auf einmal. Ist das Leben hier für mich so schwierig? Ist alles so schwer erträglich? Es gibt ja ab und zu Konflikte, manchmal ist es schwierig Kulturunterschiede zu überwinden aber es lohnt sich wirklich. Das letzte Gefühl vom Natyashatra ist eine Belohnung und eine Krönung, es ist Adhbhuta, das Wunderbare, das sich dem Weihnachtsbeitrag perfekt eignen wird.

Kurzer Bericht

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Allmählich wird es kälter. Für mich ist es eher angenehm, ich mag es, wenn ich abends mein Bett mit einer Decke beziehen muss, anstatt die ganze Nacht auf meinem Bett unter meinem Ventilator zu schwitzen. Am 12. November gab es das jährliche Programm, für das wir einige Tage vorher schon angefangen haben das Gelände zu putzen und die großen Steine zu entfernen. Diesmal fand es auf der Bühne draußen statt. Leider spielte diesmal kein Fagott sondern nur Chenda (keine Zeit). Es hat zwei Stunden gedauert, große sowie kleine haben getanzt und ihre Familien haben sich darüber sehr gefreut. Mit dem Chenda werde ich Anfang Dezember zweimal außerhalb von Kalahrdaya spielen und der Lehrer hat mit Saju zugestimmt, dass ich Anfang März mein Arangetram (die erste offizielle Solovorstellung) mache. Weihnachten naht und ich freue mich. Jedes Fest hat eine andere Farbe als letztes Jahr, es ist nicht mehr die fröhliche Entdeckung aber es ist immer sehr schön und das etwas bittere Geschmack, wenn ich wahrnehme, dass es das letzte Mal ist, zeigt mir, wie wertvoll meine Zeit hier für mich ist.
Chenda Melam