lundi 23 juillet 2018

Dankbarkeit

Mayer Mandir, die Kapelle von Kalahrdaya am letzten Morgen vorm Aufbruch


Ziemlich schnell nach der Einweihung der Kapelle ist Saju am 16. Mai mit einer kleinen Gruppe nach Europa geflogen. Drei Mädchen durften ein zweites Mal in Europa tanzen (Satyen war ja etwas öfter dort). Da die Schwestern am gleichen Tag in ihre Familien gefahren sind, war ich mit P. Thottam allein in Kalahrdaya. Ich durfte jeden Tag die Mangos genießen, die er für mich nach dem Aufstehen sammelte (wegen seines Diabetes durfte er selbst fast keine essen). Außer Englischunterricht und die Korrektur der Dissertation hatte ich nicht viel zu tun. Die Bauarbeiten waren nach der Einweihung der Kapelle quasi angehalten. Ich musste mich auch für meine erste Soloaufführung am Chenda vorbereiten: Täglich schlug ich mindestens eine halbe Stunde lang mein Trommel und meine linke Hand war rot, geschwollen und schmerzhaft. Am 18. Juni hat mich auch der Sänger Pandit Sundar Shyam Goswami eingeladen mit ihm bei einer Fernsehsendung Fagott zu spielen und die Kommunität von Kalahrdaya und meine Freunde im Dorf, die früh genug aufgestanden waren, haben sich gefreut, mich im Fernsehen zu bewundern…
Nach der ganzen Vorbereitung fanden am 24. Juni gleichzeitig meine Abschiedsveranstaltung und mein „Chenda-Arangettam“ statt. Gäste kamen aus Kolkata (meine Freunde Francoise und Leo Jalais und einige Keralis, die auch Chenda lernen) und aus der Gegend (Sr Kavita, die ich zwei Jahre davor kennengelernt hatte), und natürlich die Eltern der kleinen Tänzerinnen und Tänzer. Gemäß der Tradition aus Kerala habe ich meinem Guru meinen Respekt gezeigt und eine Gabe übergeben und ich habe dann das 30-minütige Stück gespielt – nur am Ende ging es etwas „off-track“ aber der Lehrer war mehr als zufrieden. Vor und nach dem Spiel haben die Tänzer unterschiedlicher Altersgruppen für mich getanzt, der letzte Tanz war eine eigene Choreographie der erwachsenen Tänzerinnen und Tänzer (und ihres Lehrers Satyen) – meine engsten indischen Freunde abgesehen von der Kommunität. Saju und mein Lehrer priesen mich aus unterschiedlichen Gründen, P. Thottam nannte mich sein Freund und drückte seine Freude aus, dass ich zwei Jahre mit ihm war, um mit ihm jeden Vormittag um 6 den Tee zu trinken. Ich freute auch die Audienz mit einer kurzen Rede auf Bengali. Ich sagte ihnen, dass ich zwar nach Frankreich fliege, aber nicht nach Hause, denn in Kalahrdaya war ich auch zu Hause. Nach dem Ende des Programms musste ich noch von den Eltern mit ihren Kindern fotografiert werden, bevor ich zum Abendessen kam.
Am 26. Juni hatten wir ein Abschiedsdinner mit den Jesuitenkommunitäten von Raghabpur und Dhyan Ashram. Saju ist dann am 28. wieder nach Europa geflogen und ich habe mich von ihm am Flughafen verabschieden. Mehr als ein Chef oder ein Lehrer war er für mich wie ein älterer Bruder – ich vermisse ihn. Dann habe ich die letzten Tage in Kalahrdaya nach einer letzten kleinen Fahrt mit Satyen, dem Scholastiker Peter und dem Tanzstudenten Kalipada genossen. Die Englischklasse hat auch für mich eine kleine Veranstaltung organisiert und mich beschenkt. Wir hatte ein letztes Dinner mit den erwachsenen Tanzstudentinnen und Studenten, dem Chendalehrer und zwei Chendastudentinnen am 5. Juni. Während der Reden von Thottam, Satyen, dem Chendalehrer und mir war die Emotion spürbar. Der allerletzte Tag war für mich auch schwierig, als ich feststellte, dass ich das Gelände und die Kapelle, die ich geholfen hatte zu bauen, zum letzten Mal sah (natürlich hoffe ich aber, dass ich wieder kommen werde). Gleichzeitig feierten wir die Ankunft vom Scholastiker Peter und von P. Shyamal, die für ein Jahr in Kalahrdaya eingezogen sind. Meine letzte Zeit in Kalahrdaya war gleichzeitig die neue Zeit der neuen Kommunität.
Am 8. Juli bin ich nach Paris geflogen. Nun ist mein Aufenthalt in Kalahrdaya vorbei und ein Kapitel meines Lebens ist geschlossen. Ich habe eine Woche mit meiner Familie in Paris sehr genossen. Jetzt bin ich in Deutschland, in einer Welt, wo alles durch Normen geregelt wird und wo es normal ist, dass kein Unfall und nichts Unerwartetes passieren darf und ich muss mich umstellen. Es ist einfach komisch. Menschlich ist es mir manchmal auch ziemlich kalt. Und ich weiß auch nicht, wie ich über die vergangenen zwei Jahren reden kann, so dass man mich versteht. Wenn ich auf die letzten zwei Jahre zurückblicke, werde ich von Dankbarkeit befüllt. Ich kam vor zwei Jahren dort an und wusste nicht, ob ich es ein Jahr aushalten werde. Am Ende hatte ich das Gefühl, ich könnte mein ganzes Leben dort verbringen. Ich habe eine große Familie und ein Zuhause bekommen. Was habe ich bewirkt? Das weiß ich nicht. Was habe ich gelernt? Unter anderem, dass man manchmal nicht sagen kann: „Es zählt nicht zu meinen Aufgaben.“ Egal ob einer Ingenieur, ein anderer einfacher Handwerker, ein anderer Tanzstudent oder auch Universitätsprofessor war, haben wir uns bei Bedarf die Aufgaben geteilt und zusammen gearbeitet. Mitten in der stark hierarchisierten Gesellschaft Indiens sind diese Unterschiede verschwunden. Das ist eins der Wunder von Kalahrdaya, dass Menschen aus unterschiedlichen Herkunften und Religionen zu einer großen Familie wachsen. Ich bin jetzt gegangen aber bleibe für meine kleinen Schwestern und Brüder „Percy Dada“, der große Bruder Percy, und ich vertraue, dass wir uns alle freuen werden, wenn ich wieder hinfahren werde.