lundi 7 mai 2018

Darshan


Mayer Mandir - The Mother's Chapel (die Kapelle der Mutter)

Soweit ich verstanden habe, ist ein Darshan in der indischen (hinduistischen) Kultur eine Vision des Göttlichen. Es kann in unterschiedlichen Gelegenheiten erfolgen. Ich möchte das Konzept ein bisschen „entmythologisieren“, bevor ich darüber weiter schreibe. Ich begegne dem Göttlichen, wenn ein Ereignis mich tief berührt, zum Beispiel wenn eine Begegnung einer wichtigen und grundlegenden Sehnsucht entspricht. Wenn eine Geige oder ein Cello gut gestimmt ist, werden gewisse Töne alle Saiten in Schwingung versetzen und das Instrument wird besonders ausstrahlen. Ein Darshan wird ebenfalls mein ganzes Wesen in Schwingung versetzen und ich werde innere Harmonie fühlen. Ein Darshan hat mehrere Effekte. Zwei wichtige sind für mich, dass es innere Wunden heilt und mich in Bewegung bringt. In dem Evangelium ist eine Begegnung mit Jesus sehr oft ein Darshan. Der gelähmte Mann kann aufstehen und laufen, die Tauben hören wieder, die Blinden sehen wieder und die Jünger haben eine innere Vision von Jesus als Göttliche Figur, umgeben von Moses und Abraham. Aber auch wenn man solche grandiosen Visionen nicht täglich hat, kann man im Alltag kleine Darshans erleben, wenn man ein bisschen aufmerksam ist. Eine Begegnung mit einem inspirierenden Mann ist ein Darshan, sowie ein wunderbares Konzert oder ein Tanzabend mit einem ausgezeichneten Bharatanatyam-Tänzer.

P. François Laborde

In Kolkata gibt es seit den 1960er Jahren ein französischer Priester. P. François Laborde von dem Prado-Orden ist ursprünglich nach Kolkata gekommen, um das Leben der Armen im Slum zu verbringen. Er hat viele Jahre in der Nähe von dem Bahnhof Sealdah verbracht, wo er einen Solidaritätsverein gegründet hat, den er einige Jahre später den Slumsbewohnern überließ, er war auch Pfarrer, hat Vereine gegründet, die sich um behinderte Kinder kümmern… Ich hatte durch mehrere Leute von ihm gehört, zum Beispiel Françoise Jalais, die selbst mit ihrem Mann Leo vor 40 Jahren nach Kolkata kamen, um P. Laborde zu helfen, und dann geblieben sind, in einer Kommunität von L’Arche gearbeitet haben und im Endeffekt auch die indische Staatsbürgerschaft übernommen haben, und ich wollte ihn kennenlernen. Als ich mir endlich getraut habe, ans Telefon zu greifen, und ihn besucht habe, war ich nicht enttäuscht. Es ist ein einfacher Mann, offensichtlich ein guter Mann und ich habe ein wunderschönes Lächeln gesehen, ein Lächeln ohne Show, das sein Engagement für die Menschen ausstrahlt. Viel mehr kann ich nicht über diese Begegnung sprechen, ich war einfach gerührt. Vielleicht war es für mich ein Darshan.

die Kapelle am 30. April

Die Einweihung von Kalahrdayas Kapelle

Am 6. Mai wurde Kalahrdayas Kapelle endlich vom Bishop gesegnet. Als ich 2016 in Kalahrdaya ankam, sagte mir Saju, dass sie im nächsten Sommer fertig sein sollte. Dann aber kamen im nächsten Oktober die „Demonetisierung“ und die Geldprobleme, die sie mit sich brachte. Die Handwerker konnten nicht mehr bezahlt werden und der Bau musste eine lange Zeit stehen. Erst 2018 wurde wieder gebaut. Die Kapelle ist nicht ganz fertig, es fehlen unter anderem der Marmorboden und die gemalenen Gastfernster aber zumindest sieht sie wie eine Kapelle aus und ich muss sagen, dass sie mir sehr gefällt. Es war sehr rührend, nachdem ich zwei Jahre hier verbracht habe, diese Segnung zu sehen. Für Saju ist diese Kapelle auch eine Art von Darshan: sie ist eine Abbildung seines Glaubens und ein Ausdruck seiner Liebe sowohl für seinen Gott als für Indien. Viele indischen Symbole stecken in der Kapelle: So wie laut der indischen Mythologie die Welt in acht Richtungen geteilt ist, hat die Kapelle acht Seiten. Die fünf Eingangstüre sind ein Symbol für die Vollkommenheit und die 32 Fenster haben auch eine Bedeutung. Auf dem Dach der Kapelle steht ein Kreuz auf einem Lotus, eins von Indiens ältesten christlichen Symbolen (es nutzt zu erinnern, dass Christentum lange vor der Kolonisierung in Kerala präsent war – sogar vor der Christianisierung von vielen Teilen Europas). Für die indischen Christen ist es sehr wichtig in einer Kapelle die Statue der Heiligen Person zu haben, was aus dem Hinduismus stammt. Sie kommen, um das Segen von Mutter Maria zu bekommen, sowie die Hindus in den Tempeln das Segen der Idole bekommen. Die Kapelle heißt auf Bengalischen „Mayer Mandir“, die Kapelle der Mutter. Natürlich ist Maria, die Mutter von Jesus (genauer Our Lady of Velankanni – Unsere Liebe Frau von Velankanni) gemeint, aber im Titel ist es auch klar, dass die Mutter von jedem gemeint ist, Christen, Hindus oder Muslime. Es zeigt den Respekt für die Religion von jedem, der die authentische indische Spiritualität prägt.
Das Kreuz wird mit dem Kran hochgetragen
Die Wochen vor der Einweihungsfeier waren anstrengend. Sujon war wieder vom Bangladesch gekommen, um bei der Verschönerung des Geländes zu helfen und begann jeden Tag um 5 mit Saju zu arbeiten. Ich half auch meistens vormittags, bevor ich mich nachmittags um meine eigenen auch langsam dringend werdenden Sachen kümmere (wie meine Dissertation) und viele StudentInnen von Saju kamen auch. Wir transportierten und lagen auf die Straße Backsteinen, zementierten das Gelände etc. Zum Glück war das Wetter wegen der häufigen Stürme nicht zu heiß und die 35 °C um die Mittagszeit wurden nicht wesentlich überschritten. Saju rannte auch nach den Handwerkern, um sie an die Arbeit zu stellen, oder um sicherzustellen, dass sie überhaupt kommen, damit die Kapelle möglichst wie eine Kapelle und nicht wie eine Baustelle aussieht. Ein Höhepunkt war, als wir das Kreuz im Lotus (200 kg) vom Haus des Künstlers mit einem kleinen LKW gebracht haben und es zwei Tage später mit einem Kran auf das Dach der Kapelle transportiert wurde und wir voller Angst waren, dass dem irgendwas passiert. Dann war das Symbol auf dem Dach und die Kapelle gewann an Pracht. Da der Acht-Punkt-Stern auf dem Boden nicht rechtzeitig fertig sein konnte, haben wir am letzten Tag vor der Einweihung nach dem Abendessen bis kurz vor Mitternacht Teppiche auf den Boden gelegt. Dann war der große Tag da.
Jesus über dem Haupteingang




Messe
Natürlich war auch der Tag auch hektisch. Ungefähr 10 Leute sind gekommen, um für 1000 Menschen den Abendessen vorzubereiten, am Vormittag mussten die Stühle auf dem Gelände, die Projektoren und Leinwände eingerichtet werden, damit die Menschen außerhalb der Kapelle die Tänze sehen können, die in der Kapelle während der Messe stattfinden, die Teppiche mussten noch zusammengeklebt werden, oben auf der Kapelle fehlten Glasfenster… aber wir waren pünktlich um 16:30 bereit den Tee für den Bischof und die Priester zu servieren. Vor dem Gottesdienst fing eine kleine Prozession statt, wo ich mit zwei Tänzerinnen Chenda spielte (da wir das Spielen beim Gehen nicht geübt hatten, war es eine Semikatastrophe). Während der Messe wurden einige Gebete getanzt. Ich fand besonders schön das Gloria mit den kleinen Tänzerinnen und Tänzer rund um die Kapelle. Die anderen Tanzgebete (Akash Mandal, Vater Unser und ein abschließender Tanz) war leider eher hauptsächlich für die Priester und den Bischof innerhalb der Kapelle und die „normalen Menschen“ draußen durften an den Leinwänden etwas davon mitbekommen. Es war aber schön die Verwirklichung von Sajus Inkulturationsbemühung zu sehen und das Ergebnis war doch beeindruckend und schön. Nach dem Gottesdienst wurde der Abendessen für alle serviert (auch da etwas Besseres für den Bischof, die Priester und die Schwestern aber für alle recht lecker), bevor Kirtanmusiker bis um 23 Uhr gesungen haben. Am 7. Mai durfte Saju endlich schlafen.
Anfang der Prozession
Ende der Prozession

Gloria


Es klingt für mich seltsam, dass ich in zwei Monaten jetzt gehen werde, und viele glauben es auch nicht wirklich. Tatsächlich ist die Zeit des Abschieds schon da. Wir werden in den nächsten Tagen zusammen mit den Schwestern die Tanzgruppe für die Europatournee sprachlich vorbereiten, und dann werden sie für vier Wochen weg sein. Dann wird Saju bis seiner nächsten Tournee zwei Wochen bleiben – gerade Zeit, um mein Abschiedsprogramm mit meiner ersten Soloperformance am Chenda vorzubereiten. Dann wird es für mich Zeit wieder nach Europa zu fliegen. Das neue Leben im alten Land macht mich gleichzeitig neugierig, gespannt und etwas besorgt. Über die Traurigkeit, Kalahrdaya zu verlassen, habe ich schon berichtet.